Rede am Antifaschistischen Nachmittagsspaziergang in Bern, 30. Mai 2026

Wir stehen hier vor der Fremdenpolizei. Fremdenpolizei. Immerhin ist dieser Name ehrlich. Anderswo trägt dieselbe Behörde beschönigende Namen wie «Amt für Bevölkerungsdienste», «Migrationsdienst» oder «Staatssekretariat für Migration». Namen, die verschleiern sollen, worum es wirklich geht.
Denn Polizei bedeutet staatliche Gewalt, Repression und Verfolgung. Doch diese Polizei müssen nicht alle fürchten, sondern nur diejenigen, die zu „Fremden“ gemacht werden. Sie wurde auch extra dafür geschaffen: 1917. Mitten im 1. Weltkrieg beschliesst der Bundesrat die Gründung einer eidgenössichen Fremdenpolizei. Die neue Behörde soll die Kontrolle von Ausländern an der Grenze und im Land selber professionalisieren. Sie kontrollieren, entrechten, schmeissen raus. Innen Entrechtung für die Fremdgemachten (Arme Personen, Romnje, Sinti, Jenische, Querulant*innen, Frauen ohne Ehemann, die vom Ausland. Gegen Aussen eine Mauer: Niemanden reinlassen: Niemanden der Schutz braucht, z.b. jüdisch ist. Aus Angst vor der «Überfremdung» wurde diese Behörde gegründet, die im Kanton Bern immer noch mit Stolz diesen schrechklichen Namen trägt – mehr als 100 Jahre Abwehr und Fremdmachung
Aber wer ist eigentlich fremd? Warum wissen wir sofort, wer gemeint ist und wer nicht?
Der Grund dafür ist Rassismus. Wir werden nicht als Fremde geboren. Wir werden zu Fremden gemacht. Und zwar durch rassistische Prozesse, die eine lange koloniale Geschichte haben. In dieser Tradition steht heute die Fremdenpolizei.
Die Fremdenpolizei erschafft eine zweite Schweiz: eine gewaltvolle, entrechtende, nationalistisch abgeschottete und strukturell rassistische Schweiz.
In dieser zweiten Schweiz leben unter anderem abgewiesene Geflüchtete, mit denen wir vom Migrant Solidarity Network gemeinsam gegen Rassismus kämpfen.
Viele beschreiben ihr Leben wie ein Gefängnis. Sie sprechen von «langsamer Folter» oder davon, «zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben» zu haben. Ihr Alltag wird beherrscht von der Fremdenpolizei und ihren Handlanger*innen. Diese verfügen über enorme Macht. Um Menschen loszuwerden, setzt der Staat auf drei zentrale Mittel:
Erstens: die zermürbende Gewalt der Nothilfelager.
Zweitens: willkürlicher Freiheitsentzug in Ausschaffungsknästen.
Drittens: brutale Polizeigewalt bei Zwangsdeportationen.
Diese zweite Schweiz greift täglich das Recht auf Leben an. Stress, Perspektivlosigkeit, Entrechtung, Armut und permanente Angst gehören zum Alltag. Ein Alltag, der Menschen psychisch und körperlich krank macht. Manche verlieren daran ihr Leben.
Die zweite Schweiz hat das Potential zum Faschismus. Vieles, was Faschismus im grossen Stil braucht, existiert bereits, wird erprobt und optimiert: Lager, Sonderknäste, Deportationen, entrechtende Gesetze und Personal mit Erfahrung in gewaltsamer Menschenverwaltung.
Würde sich diese Logik ausweiten, würden viele schockiert von Faschismus sprechen. Ähnlich wie in den 1930er Jahren, als der Faschismus in Europa an die Macht kam und viele schockiert waren. Damals schon betonte der antirassistische Schriftsteller Langston Hughes, eine Person of Color, dass der Faschismus an sich nichts Neues sei, sondern nur «ein neuer Name für die Art von Terror, dem Schwarze im Kapitalismus schon immer ausgesetzt sind».
Und genau deshalb dürfen wir Liberalismus und Faschismus nicht einfach als Gegensätze verstehen. Faschismus entsteht nicht ausserhalb liberaler Demokratien, er wächst aus ihnen heraus.
Heute können wir dies quasi live beobachten. Gewalthemmungen fallen, Menschen werden entrechtet und entmenschlicht, Gewalt wird zum politischen Prinzip. Antifaschistische Praxis kann daher nicht einfach nur eine «Brandmauer» für das Bestehende sein.
Selbstverständlich Antifa heisst für uns:
Mauern gegen das gesamte rechte Spektrum und für emanzipative Revolutionen
Mauern gegen den rassistischen, nationalistischen und kolonialen Common Sense und für solidarische, befreite und egalitäre Beziehungsweisen.
Mauern gegen Faschist*innen ohne Faschismus – wie jene der Junge Tat oder der SVP und mauern gegen das faschistische Potenzial der zweiten Schweiz und ihrer Fremdenpolizei.
Selbstverständlich Antifa heisst mauern gegen Kapitalismus, Imperialismus, Patriarchat und Ableismus und mauern für Bewegungsfreiheit, Bleiberecht sowie soziale und Klimagerechtigkeit.
Und schliesslich heisst selbstverständlich Antifa selbstverständlich und insbesondere:
Mauern gegen den Genozid und für die Befreiung aller Palästinenser*innen.
Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs schrieb der jüdische Philosoph Max Horkheimer den berühmten Satz: «Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen.»
Wir sagen heute: Wer über den Genozid an den Palästinenser*innen schweigt, sollte auch über Faschismus schweigen. Denn in Gaza sehen wir, was Faschist*innen an der Macht anrichten. Wir sehen, wohin Entmenschlichung, Militarismus und koloniale Gewalt führen. Die Mittel, die Taktiken: Kontrolle, Entrechtung, null Bewegungsfreiheit, Entmenschlichung, Tötung, Ausrottung von Kultur, Land und Leben.
Free Palestine. Hoch die internationale und hoch die antinationale Solidarität.
Siamo tutte antifasciste.
