Demo | 9.11.2019 | Reden | Discours | Speeches

DE: Frauen in Camps | Camps im Tschad | Foltercamps in Libyen | Hotspotcamps in Griechenland | Bundesasylcamps in der Schweiz 2x | Asylcamps in den Kantonen | Nothilfecamps in den Kantonen

FR: Les femmes dans les camps | Les camps au Tchad | Les camps de torture en Libye | Les camps Hotspot en Grèce | Les camps d’asile fédéraux en Suisse 2x| Les camps d’asile dans les cantons | Les camps d’aide d’urgence dans les cantons

EN: Women in camps | Camps in Chad | Torture camps in Libya | Hotspot camps in Greece | Federal asylum camps in Switzerland 2x | Asylum camps in the cantons | Emergency aid camps in the cantons

(Les traductions vont suivre///The translations will come)

Frauen in Camps: “Geflüchtete Frauen werden im schweizer Asylsystem benachteiligt, weil im Fokus Geflüchtete Männer stehen

Frauen und Männer, Single und Familie, mit und ohne Kinder, die vor der Unterdrückung diktatorischer Regime geflohen sind, sind gezwungen, in kollektiven Asylunterkünften, jahrelang leben. Ganz unerwartet verwandeln sich diese Menschen, politische Aktivistinnen, in eine Art amorphe, abstrakte Masse, ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Vergangenheit und Zukunft.

Sie haben kein Recht zu arbeiten und müssen jahrelang auf eine Entscheidung warten und sie sind gezwungen, von der Guten Laune des Betreuungspersonals der Asylcamps abhängig zu sein. Das gleiche Ursprungsland mit der Betreuerinnen ist auch von Vorteil: Zumindest können sie sich verständigen, da in den Asylzentren keine Dolmetscherinnen zur Verfügung stehen.

Besonders hart betroffen sind Frauen, die mit noch anderen Problemen konfrontieren müssen, weil sie Frauen sind, oder Kinder haben. Sexuelle und sexualisierte Gewalt, die Geflüchtete Frauen in Heimatländer oder während Flucht erleben mussten, wird von den Behörden nicht einmal als Asylgrund anerkannt.

Geflüchtete Frauen werden im schweizer Asylsystem benachteiligt, weil im Fokus Geflüchtete Männer stehen. Daraus folgt, dass Gewalt an Frauen, welche auch in allen schweizer Asylcamps vorkommt, ausgeblendet wird und Betroffenen keinen Schutz geboten wird. Frauen, die in Asylcamps wohnen, berichten, dass sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder des Schamgefühls vor männlichen Betreuern nicht erklären können, ob sie frauenspezifische Hilfe brauchen.

Geflüchtete Frauen, die häusliche Gewalt in der Schweiz in Asylunterkünften erlebten, sich äussern, dass sie keine Unterstützung vom Betreuungspersonal bekommen. Sie werden manchmal in gleichen Unterkünften platziert, wo gewalttätige Ex-Männer leben, und sind gezwungen, mit grossen Anzahl der alleinstehenden Männern in einer Asylcamps Nachbarinnen zu sein. Alleinstehende Mütter sind wegen Kinder benachteiligt: sie können nicht einmal Deutschkurse (von Freiwilligen) besuchen, weil es keine Kinderbetreuung nachgedacht wurde.

Auch Kinder müssen Gewalt in Asylunterkünften erleben. Kinderrechte werden ignoriert, zum Beispiel, sie gelten als Gepäckstück bei gewaltsame Ausschaffungen. Das ist zusätzliche Leiden für Eltern, die an Kindern nicht helfen können.
Das Leben in Asylunterkünften ist kein Leben, sondern, Amöbenleben.
Kann die Gesellschaft den Geflüchteten die Möglichkeit geben, Menschen zu sein?
Asylcamps sind keine Lösung!


Camps im Tschad: “Stellen sie sich vor, sechzehn Jahre sitzen Sie im Asyl Camp und Sie warten, warten, warten… “

Ein schrecklicher Konflikt in Darfur hat über 300’000 Menschen das Leben gekostet, bereits mehr als 2.5 Millionen Menschen sind in Nachbar Ländern geflüchtet. Tschad, zentral- Afrika, Ägypten, Kenia, Süd Sudan und Libyen.

Über 300’500 von ihnen leben bis heute in den 12 Flüchtlingscamps im Osten von Tschad nahe der sudanesischen Grenze. Sie leiden unter der Dürre, Hitze, Wasserknappheit, Unterernährung und Krankheiten. Die hygienischen Zustände verschlimmern den Lebensalltag. Ich gehöre zu denen, die das überlebt haben.

Stellen sie sich vor, sechzehn Jahre sitzen Sie im Asyl Camp und Sie warten, warten, warten… und Sie können nicht arbeiten, Resettlement ist kaum möglich, Zurückkehren ist unmöglich und in den Camps gibt es keine Zukunft. Sie können nicht nach Hause zurückgehen, denn im Sudan gibt es immer noch Krieg. Auch die neue Regierung arbeitet mit den Milizen zusammen und beschützt die Bevölkerung nicht vor deren Angriffen.

Im Oktober 2018 gab es eine Vereinbarung zwischen der Sudanesischen und Tschadischen Regierung, dass der Tschad die Geflüchteten zurückschicken soll. Aber niemand will nach Darfur zurück, weil man dort nicht in Sicherheit ist. Diejenigen, die sich gegen diese Ausschaffung geäussert haben, wurden von der Tschadischen Regierung festgenommen. Sie sind heute immer noch im Gefängnis und man weiss nicht wie es ihnen geht.

  • Wir fordern, dass die Gefangenen freigelassen werden.
  • Wir fordern eine Regierung, die alle Menschen im Sudan beschützt und die Milizen stoppt.
  • Wir fordern, dass die Kriegsverbrecher vor Gericht kommen
  • Wir fordern, dass die Geflüchteten im Tschad dieselben Rechte haben wie die Bevölkerung
  • Freiheit für alle, Würde für alle, Rechte für alle!!!!

Foltercamps in Libyen: “Die Menschen werden in Handschellen gelegt oder sie werden gebrannt, damit sie den Familien anrufen und diese Geld überweisen. Auch werden Organe von Menschen verkauft”

Ich bin Negasi Sereke. Ich werde heute über die Situation in Camps in Lybien erzählen. Ich habe viele Kontakte zu Menschen die jetzt in Lybien sind.

Es gibt in Lybien verschiedene Orte, wo Flüchtlinge Gewalt erleben. Es gibt Milizen, die Geflüchtete auf Bauernhöfen festhalten. Zwei Jahre oder mehr. Sie müssen immer Geld bezahlen damit sie freikommen. Das heisst ihre Familie muss für sie bezahlen. Die Schlepper sagen zum Beispiel wir töten dich und das hört dann die Familie am Telefon. Sie werden geschlagen, sie sind oft krank, sie haben kein Zugang zum Spital und viele von ihnen sind auch gestorben. Die verstorbenen Leute dürfen nicht beerdigt werden. Diese Bauernhöfe sind am Meer. Die Menschen, die im Meer ertrunken sind dürfen auch nicht begraben werden.

Es gibt verschiedene Camps. Camps die von lybischen Milizen geführt werden. In diesen Camps werden Frauen und Männer sexuell missbraucht. Die Menschen werden gefoltert. Die Menschen werden zum Beispiel in Handschellen gelegt oder sie werden gebrannt damit sie den Familien anrufen und diese Geld überweisen. Auch werden Organe von Menschen verkauft.

Manche von den Menschen im Camp werden verkauft. Das Camp ist ein grosser Raum, es ist dunkel, es hat kaum Toiletten, kein Essen und keine medizinische Hilfe. Viele von diesen Menschen sind krank. Sie haben Juckreiz oder Tuberkulose oder werden mit dem HIV-Virus angesteckt. Schwangere Frauen müssen ihr Kind auf dem Boden des Camps gebären. Viele Kinder aber auch viele dieser Frauen sterben während der Geburt. Es gibt kein Spital. Oft sind die Menschen neun Monate oder länger in diesem Camp.

Es gibt auch UNHCR-Camps. Gerade jedoch hat eine Bekannte von mir, die in einem dieser Camps war geschrieben, dass sie es verlassen muss. Das UNHCR hat gesagt, dass sie keine Flüchtlinge sind. Deshalb müssen die Menschen das Camp verlassen. Dann müssen sie auf der Strasse leben. Dort haben sie keine Arbeit, kein Geld, kein Haus und können von Milizen gefangen genommen werden. Sie sind nicht sicher dort. Weil in Lybien herrscht auch Krieg und es können immer Bomben fallen.

Ein grosses Problem ist auch, dass Angehörige und Familien nie wissen, was mit den Menschen in Libyen passiert. Ob sie gestorben sind oder noch leben und wo sie sind. Es gibt keine Informationen. Es gibt viele Vermisste. Und viele Familien haben so viele Sorgen.

Wir wollen, dass alle libyschen Camps geschlossen werden. Und dass die Leute legal von Libyen hierher kommen können. Und dass die Schweiz Lybien nicht finanziell unterstützt und vor allem nicht wegschaut.


Hotspotcamps in Griechenland: “Die Verzweiflung, die Wut, all das staut sich an und es wird noch mehr eskalieren”

Von August bis Mitte Oktober verbrachte ich die Zeit im Camp Moria auf Lesbos. Dort habe ich mit Kitrinos einer kleinen Hilfsorganisation, welche den Standort im Camp selber hatte, als Freiwillige im medizinischen Bereich gearbeitet. Das Camp Moria wurde ursprünglich ausgelegt für 3000 Menschen, mittlerweile beherbergt es 13000 Menschen. Und täglich kommen hunderte Personen neu an.

Wer die Nachrichten in den vergangen Monaten verfolgt hat, konnte mitansehen wie die momentane Lage im Camp ist. Es ist massiv überfüllt, viele Familien mussten in kleinen Zelten, welche wir für Festivals brauchen, leben. Doch die Zelte reichen nicht für alle Menschen, wer keines kriegt, schläft auf Karton am Boden und wird dies auch in den kommenden Wintermonaten müssen. Für die Essensausgabe mussten die Menschen mehrere Stunden anstehen. Ich hatte einen jungen Patienten aus Somalia, dessen Körper über und über mit Narben versehrt ist. Die Verletzungen stammen von einer Bombe welche neben ihm explodiert ist. Er hat Schmerzen, er ist 18 Jahre alt und allein. Und auch er und viele andere welche eine ähnliche Geschichte mit sich tragen, mussten im Camp ums Überleben kämpfen.

Auch viele unbegleitete Jugendliche waren im Camp. Diese leben in der sogenannten Safezone. Sicherheit soll mit regelmässigen Patrouillen der Sicherheitskräfte gewährleistet werden und indem die Safezone vom Camp abgeschirmt wurde. Dennoch geschah es, dass bei einer Auseinandersetzung ein 15 jähriger Junge erstochen und zwei weitere verletzt wurden. Überfälle, Vergewaltigungen und sonstige Auseinandersetzungen sind daily Business.

Nach diesem Mord, gab es zwei Tage später eine Ausschreitung zwischen den Jugendlichen und der Polizei. Die Jugendlichen forderten aufs Festland gebracht zu werden, die Antwort der Polizei war: Tränengas in ein eh schon überfülltes Camp zu schiessen und dadurch eine Massenpanik auszulösen. Da die NGOs immer die ersten sind welche evakuiert werden, wurden wir schnell aus dem Camp gebracht, während die Menschen im Camp bleiben müssen.

Ein Freund fragte mich: „Meinst du das ist alles, oder ist das die Ruhe vor dem Sturm.“ Ich antwortete, für mich fühlt es sich an als wäre dies die Ruhe vor dem Sturm, die Verzweiflung, die Wut all das staut sich an und es wird noch mehr eskalieren.“ Ich dachte nicht, dass ich Recht haben würde mit dieser Aussage, ich wünschte ich hätte es nicht.

Kurz danach, kam es aufgrund eines Heizofens zu einem Feuer im Camp. Dabei kam eine Frau ums Leben. Dies brachte das Fass der aufgestauten Wut der Menschen zum Überlaufen und es kam erneut zu Ausschreitungen. Wieder reagierte die Polizei mit Tränengas. Dies war mit Abstand das Schlimmste das in dieser Zeit passiert ist. Es gab mehrere Tote, die richtige Zahl der Toten wurde jedoch nicht bekanntgegeben. Es wurde erzählt es wären 7 darunter 3 Kinder. Das Baby welches gestorben/verbrannt ist, haben wir in den Armen des Vaters gesehen. Dieser berichtete uns, „auf der Flucht, versuchst du alles um das Leben deiner Kinder zu retten. Und dann stirbt es im Camp Moria welches eigentlich die Rettung sein sollte, Sicherheit und der Anfang des neuen Lebens ohne Krieg oder Flucht.“ Doch jetzt muss er sein Baby beerdigen. Wir arbeiteten bis in die Nacht hinein, an der Seite von MSF (medicine sans frontieres). Wir versorgten viele Wunden und Rauchvergiftungen und kümmerten uns um traumatisierte Menschen, sowie Menschen mit Panikattacken.

Das Camp Moria sollte eigentlich als Übergangslösung dienen. Ich musste aber mit Übersetzerinnen und Übersetzern arbeiten, welche bereits 2 Jahre im Camp lebten. Die Überarbeitung der Papiere benötigt viel Zeit, dadurch sind die Menschen gezwungen mehrere Monate, wenn nicht Jahre im Camp zu leben. Ein Leben ohne Privatsphäre und unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Für die Freiwilligen war schnell klar, dieses und jedes andere Camp muss geschlossen werden! Es ist an der Zeit, dass auch andere Länder Verantwortung übernehmen. Wir diskutieren darüber ob man Menschenleben retten soll, oder nicht, dass ist barbarisch. Jede und Jeder hat das Recht zu leben und das Recht auf ein Leben, welches nicht mehr geprägt ist von Krieg, Flucht und dem Überleben in einem Camp. Das alles geschieht ein paar Stunden von uns entfernt, es geschieht vor unseren Augen. Wir können die Augen vor dieser Tatsache nicht mehr verschliessen. Es ist schon lange an der Zeit etwas zu unternehmen!

Hand in Hand von Menschen für Menschen!


Federal Asylum Camps: Dear friends, I was asked to speak about the federal asylum camps here in Switzerland – from my experience as a lawyer especially focussing on asylum law.

As I guess most of you know, on March 1 st 2019 a new asylum procedure has been put in place in Switzerland. With the new regulations a lot has changed. With regards to housing, a person who filed an asylum request is now accommodated, usually for a maximum of 140 days, in so called Federal Asylum Centres. The State Secretary for Migration, the SEM, which is the federal migration authority, is responsible for running these Centres. However, the SEM has delegated it’s public duty operating these Centres to two organisations: The Asyl-Organisation Zürich (AOZ) and the ORS Service AG. ORS is a international corporation active also in Austria, Germany and Italy which never hided that they are a profit-oriented private company. But they were quite secretive about the amount of money they actually make on basically imprisoning people. But in October this year newspapers published that in 2018 ORS achieved a turnover in Switzerland of 99.8 Million Swiss Francs and gained a profit of 1.3 Million Swiss Francs. 1.3 Million made on the deprivation of rights and human dignity. But I don’t want to blame ORS – it’s not one single player corrupting a system. Infringements rather are inherent in the Swiss Asylum System and the related politics itself. For a young man from Algeria, the situation had become so unbearable that he committed suicide in the Centre La Boudry in Neuchâtel on September 25 th 2019.

The Asylum Centres are not open to the public, which for one excludes NGOs and refugee support groups from getting in touch with people living inside but, secondly, also prevents the monitoring of the conditions by civil- society actors. As legal representation I do get access but only to the extent required for conducting effective legal counselling in a specific case. Nevertheless, the inadequacies are well known. The crowded living conditions for example. Sharing a room with several other people – not even families might get their own space but have to co-habit with other families. No privacy, no place of retreat, no alone time, no space to your self. All of this after a long, dangerous and – as I imagine – exhausting and often traumatizing journey to Europe.

In the Centres mostly a minimal infrastructure is available. In the past even the use of cell phones was forbidden – a practice even the National Commission on the Prevention of Torture has criticised. Today the cell phone ban has been lifted and WiFi should be available which is particularly important to keep in touch with family abroad.

But in the Centres there sill is too much security personal and at the same time not enough care staff. Nothing to do besides housework or so called «community service», in fact a synonym for cheap labour cleaning up public spaces. And especially the access to psychological health care – if provided at all – is insufficient.

Furthermore the people concerned can’t decide on their own when to leave the Camps or where to live. While living in a camp you can go outside between 9 am and 5 pm everyday and on weekends an extended absence is allowed – but an authorisation is required. And you can’t decide not to live in the Camp. Even if family or friends are offering alternative housing private accommodation mostly is not granted. So people a forced to stay in these precarious housing conditions upon further decision by the SEM.

Of course I generally support the idea of shortening the duration of the individual asylum procedures – one of the main purposes of the new Asylum Law. But the tight schedule in combination with a lack of health care, psychological support, not enough time for effective legal counselling and not sufficient social care bears a high risk not being able to identify the most vulnerable. In my legal practice I can already now, eight month after the introduction of the new law, see that legal examination and inquiry are not conducted adequately leading to false decision.

Everyone has right to receive support, compassion and solidarity. Everyone has the right not to be controlled, not to be exploited and especially to be treated with respect. Also in Switzerland – we still have a very long way to. But since no one is free unless we all are free there is no alternative to keeping up the struggle for self- determination for all.​

Bundesasylcamps in der Schweiz: “Lager sind ein Baustein der herrschenden furchtbaren Migrationspolitik”

Im Sommer 2016 hat die schweizerische Stimmbevölkerung – viele von uns, die hier versammelt sind – wurden nicht gefragt obwohl es ihr Leben betrifft – einer Asylgesetzrevision zugestimmt. Ein zentraler Punkt der Revision: Die Neustrukturierung des schweizerischen Asylwesens. Die Handschrift: Simonetta Sommaruga, Bundesrätin, linke Partei. Das Ziel: Die Beschleunigung der Asylverfahren auf 140 Tage. Die Umsetzung: alle Player im Asylverfahren sollen ein bisschen näher zusammenrücken, dann geht alles schneller. Die Konsequenz: Ich will hier nichts über die Effizienz der Verfahren etc. sagen. Ich will hier über die neu entstandenen Camps – oder Lager – sprechen: In der Behördensprache nennen sich diese Verfahrenszentren, Ausreisezentren, besondere Zentren und haben je unterschiedliche Funktionen, die ich so erklären würde: Warten auf eine Antwort. Warten auf die Ausschaffung. Eingesperrt werden weil man nicht einverstanden war mit allen Regeln im Camp.

Umsetzungsstichtag der Neustrukturierung: Der 1. März 2019. Für ungefähr 5000 Menschen bestehen gegenwärtig an 15 Orten Lagerstrukturen mit Kapazitäten für 250 bis 350 Menschen in einem Lager.  Diese Bundeslager, wir haben es bereits gehört, sind definiert durch: Ein- und Ausgangskontrollen. Gesetzte Ruhe- und Essenszeiten. Hausordnungen. Keine Privatsphäre weil viele Menschen zusammen in einem Zimmer einquartiert werden. Besuchsregeln für seine Freundinnen und Freunde. Keine Extrawünsche. AH nein, falsch, Wünsche sind eh nicht angebracht. Die Bedürfnisse der Menschen sind keine Priorität in den Lagern. Können sie gar nicht. Weil Lager Institutionen sind die viele Menschen verwalten müssen. Und wenn das so ist, das sagten schon Forschende in den 1960er-Jahren, ist das oberste Ziel: Die Organisation/den reibungslosen Ablauf im Lager zu sichern. Nichts anderes. Und dazu braucht es:  Überwachung, Regeln, Disziplin, Kontrolle. Und ja keine Selbstbestimmung. Die Folge: Demütigungen, – nicht nur auf der persönlichen Ebene – sondern auch dadurch, dass durch alle Regeln und die herrschende Athmosphäre keine Selbstbestimmung und keine individuelle Bedürfnisdeckung möglich ist. Die Logik der Lager, die bedeutet dauernde, alltägliche Demütigung: keine Rechte über sein Leben zu haben. Und andauernde Demütigung mit null Selbstbestimmung führt dazu, dass Menschen krank werden – seelisch und körperlich.

Die Menschen, die heute zum Beispiel gerade in diese neu geschaffenen Lager in die Schweiz kommen. Sie waren vor Wochen vielleicht in einem Lager in Italien, oder Griechenland oder Ungarn (Die Schweiz unterstützt dabei durch Gelder an die EU die Errichtung von Hotspot-Camps an den EU-Aussengrenzen). Die Menschen, die heute vielleicht in eines dieser schweizer Bundeslager kommen, sie waren vor einigen Monaten eventuell in einem Lager in Libyen (Schweizer Beteiligung an der Aufrüstung der libyschen Küstenwache im Jahr 2017: 1 Million sFr.). Die Menschen, die heute in ein solches Lager kommen, sie waren vor Jahren vielleicht in einem Lager im Tschad, zurückgeschickt aus Libyen, vor dem erneuten Versuch auf der Flucht vor Krieg, Bedrohung und Zukunftslosigkeit. Und sie werden morgen vielleicht in einem Ausreiselager sein – auf dem Glaubenberg auf 1500m in den Innerschweizer Bergen in einer Militärkaserne, in Giffers, umzäunt von Draht und Kameras. Die Menschen, die heute in so einem Lager sind, sie werden morgen vielleicht in einem der beschriebenen Nothilfelager sein, dauernd ausschaffbar und mit noch weniger Rechten als in den Bundeslagern.

Lager sind ein Baustein der herrschenden furchtbaren Migrationspolitik. Sie gehören dazu. Sie werden als normal angeschaut. Die Einrichtung von Lagern sagt also etwas über die herrschenden gesellschaftlichen Normen aus. Lager zeigen, was von einer (herrschenden) Mehrheit der Gesellschaft als selbstverständlicher Umgang mit „Anderen“ verstanden wird. Es ist in dieser Politik normal, dass geflüchtete Menschen, in Lagern unterkommen. Sie zu demütigen, krank zu machen. Damit sie gehen. Oder nicht kommen. Vertreibungspolitik nennt sich das. Lagerpolitik nennt sich das.

Es gilt meiner Ansicht nach, dieser Normalität der Lagerpolitik etwas entgegenzusetzen: Sich dieser anscheinenden Normalität – dieser selbstverständlichen Logik der Demütigung und Entrechtung von Menschen – zu verweigern. Es geht von mir aus gesehen auch um die bessere oder schlechter Ausgestaltung von Lager. Es geht vor allem aber um eine neue Politik und eine neue Normalität: die ohne Lager. Weshalb wir hier stehen und demonstrieren: Um eine No Lager Politik  zu erkämpfen. Es gilt: keine Camps mehr – nicht heute und nicht morgen.


Asylcamps in den Kantonen: “Wenn man einen Arzttermin machen will, muss man schwer krank sein, vorher kriegt man keinen Termin. Sie sagen: Warte, vielleicht geht es dir morgen besser!“

Ich spreche über das Leben im Asylcamp in der Schweiz. Wenn man in einem Asylcamp wohnt, hat man keine Privatsphäre. Viele Menschen sind in einem Zimmer: Zum Beispiel war ich über ein Jahr lang in einem Zimmer mit 18 anderen Menschen. Es hatte kaum Platz zum bewegen.

Im Asylcamp gibt es keine Ruhe, es ist oft schmutzig, da so viele Leute dort sind. Zum Beispiel eine Toilette benutzen ca. 40-50 Menschen. Es kommen verschiedene Kulturen auf sehr engem Raum zusammen, und alle haben Probleme und müssen warten, dürfen nicht arbeiten. Das macht das Leben dort sehr schwierig.

Es gibt wenig Rechte und wenig Selbstbestimmung. Je länger man im Camps wohnt, desto depressiver wird man, weil man die ganze Zeit wartet, wartet, auf eine Antwort wartet. In dieser Zeit darf man nicht arbeiten oder eine Wohnung mieten. Man kann nur einen Basisdeutschkurs im Zentrum machen, man kann aber kein höheres Niveau machen.

Ein Geflüchteter wird nicht ernst genommen. Z.B. in Bezug auf unsere Grundrechte auf Bildung, Wohnen, Gesundheit. Wenn man einen Arzttermin machen will, muss man schwer krank sein, vorher kriegt man keinen Termin oder sie sagen: „Warte, vielleicht geht es dir morgen besser!“ Das gleiche ist bei der Bildung: Sie sagen sehr oft: „Warte! Es gibt sehr viele Anmeldungen“. Dann wartet man 1 Jahr oder auch 2 Jahre. Die Ärzte fragen immer nach dem Ausweis und wie lange man in der Schweiz ist und nicht, welche Beschwerden man hat.

Die Geflüchteten sind total isoliert, viele Asylcamps sind weit von der Stadt entfernt. In der Stadt gibt es viele Möglichkeiten sich mit Menschen zu treffen oder etwas in der Freizeit zu machen oder ein Beschäftigungsprogramm oder in einem Verein sein. Wir können aber nicht die Tickets bezahlen, um in die Stadt zu kommen.

Wir werden von der Gesellschaft, von den Menschen diskriminiert, wenn sie bemerken, dass wir Flüchtlinge sind, weil sie das Gefühl haben, dass wir unbedingt Hilfe brauchen. Aber sehr oft brauchen wir einfach Freunde und kleine Sachen, wie jeder Mensch auf der Welt. Wir brauchen eine Chance zum Zeigen, dass wir auch ein Teil von der Gesellschaft sind.


Nothilfecamps in den Kantonen: “Dann wirst du aggressiv und depressiv. Du kannst kein Leben aufbauen”

Ich kann nicht in mein Land zurück wegen politischen Themen. Wegen Dublin kann ich auch nicht in ein anderes Land gehen. Wenn du negativ bekommst, dann bist du in der Nothilfe in einem Camp. Du bist wie in einem offenen Gefängnis. Du darfst nicht arbeiten, keine Ausbildung und keine Schule machen.

Du darfst nicht arbeiten, wie andere Leute, Steuern bezahlen, wir haben auch keine Altersvorsorge. Jede Woche kommen 56 Franken. Das sind 8 Franken pro Tag, mit denen ich leben muss: Essen kaufen, Kleider, Ticket.

Im Camp sind 8-12 Menschen in einem Zimmer. Alle haben viele Gedanken im Kopf, der möchte Musik hören, der andere schlafen, jemand anderes möchte telefonieren, alles im gleichen kleinen Zimmer. Es gibt keinen privaten Schutz. Das ist sehr, sehr schwierig und niemand kann gut schlafen. Im Camp kannst du nichts machen, nur warten, warten und viel denken. Dann wirst du aggressiv und depressiv. Du kannst kein Leben aufbauen.

Wenn jemand hört, dass du keinen Ausweis hast, dann denken die Menschen, das ist ein Krimineller.

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